Warum 1945 nicht 1918 war
Dieser Höhepunkt verdient einen Moment des Innehaltens, bevor man das Blatt zur Versöhnung wendet. Der in den ersten beiden Teilen dieser Serie beschriebene Mechanismus — Demütigung, gepflegter Groll, aufgeschobene Rache — funktionierte 1940 ein letztes Mal mit verheerender Wucht: die bewusste Wahl von Rethondes, das Anklingen von Bismarcks Worten bei Sedan — all das deutet darauf hin, dass die damaligen deutschen Machthaber ganz bewusst glaubten, in direkter Kontinuität zu 1870 und 1918 zu handeln. Der Kreislauf reproduzierte sich genau so, wie er konzipiert worden war — bis zu seinem logischen, erschreckenden Ende.
Doch 1945 unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von 1871 oder 1918: Diesmal gibt es keinen Sieger mehr, der in der Lage wäre, den anderen zu demütigen, ohne sich dabei selbst zu zerstören. Frankreich verfügte 1945 nicht über die Mittel für einen Versailles vergleichbaren Diktat Frieden — es ging selbst erschöpft aus der Besatzung hervor. Und Deutschland, konfrontiert mit dem Ausmaß seiner eigenen Verbrechen, verfügte nicht mehr über denselben psychologischen Nährboden, um einen neuen, legitimen nationalen Groll zu kultivieren. Vielleicht war es diese doppelte Unmöglichkeit, mehr als ein plötzlicher Anflug von Tugend, die die Tür öffnete — vorausgesetzt, Staatsmänner wussten sie zu nutzen.






