Das Gedächtnis als Waffe
Wie konnte eine einzige napoleonische Schlacht in Preußen den Keim eines Antagonismus legen, der Europa mehr als ein Jahrhundert lang vergiften sollte? Als erster Teil einer Serie über die deutsch-französische Beziehung zeichnet dieser Artikel die Geburt des deutschen Nationalgefühls aus der Demütigung nach — und dessen erste große Revanche: die Einigung Deutschlands durch „Eisen und Blut“, auf Kosten Frankreichs.
Was diese erste Sequenz offenbart, ist weniger eine Abfolge von Schlachten als vielmehr ein präziser psychologischer Mechanismus: Nationale Demütigung erlischt, einmal zugefügt, nicht — sie verwandelt sich. Für das Preußen von 1806 wurde sie zu einem jahrzehntelangen politischen Projekt, geduldig gehegt, bis die Umstände seine Verwirklichung erlaubten. Diese Zeitspanne ist bedeutsam: Zwischen Jena und Sedan liegen vierundsechzig Jahre. Das ist keine spontane Reaktion, das ist ein Staatsgedächtnis, weitergegeben, gepflegt, institutionalisiert bis in Bildung und Kultur hinein — Fichte ist dafür der eindrücklichste Beweis.
Es wäre falsch, darin eine spezifisch deutsche oder preußische Eigenheit zu sehen. Es ist ein Mechanismus, der sich immer dann findet, wenn eine besiegte Nation die intellektuellen, kulturellen und schließlich materiellen Mittel für ihre Revanche bewahrt. Die Lehre aus 1805-1871 könnte, noch bevor man sich dem Folgenden zuwendet, diese sein: Ein Sieg, der demütigt statt einzubinden, programmiert fast mechanisch seine eigene künftige Infragestellung.






