Wenn das Vertrauen ins Wanken gerät
„Die Nüchternheit der Rede unterstreicht das Relief der Haltung. Nichts erhöht die Autorität besser als das Schweigen — der Glanz der Starken und die Zuflucht der Schwachen.“ — Charles de Gaulle, Le fil de l’épée, 1932

Die ersten vier Teile dieser Serie folgten einem präzisen Muster: dem eines sich beschleunigenden Zählers, zunächst hin zur Rache, dann hin zum Frieden. Dieser fünfte Teil folgt einem anderen, weniger geradlinigen Muster: dem des Vertrauens, das sich nicht in einem Block aufbaut, sondern durch eine Abfolge von Bewährungsproben — manche erfolgreich bestanden, wie die Wette von Ludwigsburg, die Ostpolitik oder die Rede von 1983, andere zweideutiger, wie die Verdrängung vom Dezember 1989.

Bemerkenswert ist im Rückblick, dass die deutsch-französische Achse nie durch eine Meinungs-verschiedenheit zwischen Gleichrangigen auf die Probe gestellt wurde, sondern durch Momente, in denen eines der beiden Länder dem anderen voraus war — Deutschland mit der Ost-politik, Frankreich mit der Rede von 1983, dann erneut Deutschland mit der Wiedervereinigung. Jedes Mal musste sich der zurückgebliebene Partner entscheiden: sich anpassen oder zurückbleiben. 1969 wie 1983 hielt die Achse stand. 1989, zum ersten Mal seit Colombey, ist es Frankreich, das zurückbleibt — eine Entscheidung, deren Folgen der sechste Teil dieser Serie umfassend beleuchten wird, bis hin zur heutigen Beziehung.

„Unsere gesellschaftlichen Vorstellungen, unser politisches Engagement und, wer weiß, unsere Charaktere: alles musste uns a priori trennen“, schrieb François Mitterrand am Ende seines Lebens über Helmut Kohl. „Wir waren eigentlich überhaupt nicht ‚füreinander geschaffen'“, bestätigte Kohl einige Jahre später auf einer Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung.[07] Dass der sozia-listische Staatspräsident und der christdemokratische Bundeskanzler die deutsch-französischen Beziehungen wie auch die europäische Einigung in den 1980er- und 1990er-Jahren auf ein neues Niveau heben sollten, war keineswegs selbstverständlich. Heute werden sie zu Recht zu den Vätern Europas gezählt.