Zwei Deutschländer, zwei Verwendungen eines Toten
Tucholskys posthumes Schicksal erzählt auf seine Weise die geteilte Geschichte des Nachkriegsdeutschlands. Die DDR eignet sich ihn früh und unzweideutig an: Bereits 1950-1951 erscheinen seine Texte in der „Bibliothek fortschrittlicher deutscher Schriftsteller“; das Staatsfernsehen widmet ihm Dokumentationen (1962, 1963) und 1975 einen biografischen Fernsehfilm; 1978-1979 wird ihm eine offizielle Ausstellung gewidmet; 1970 erscheint eine Briefmarke mit seinem Konterfei in der Serie „Bedeutende Persönlichkeiten“; 1990 — im Jahr der Wiedervereinigung selbst, fast im letzten Atemzug des ostdeutschen Staates — prägt die DDR noch eine Gedenkmünze zu 5 Mark für seinen hundertsten Geburtstag.

Diese Vereinnahmung ist nicht ohne ideologische Logik: Ein linker Antimilitarist, scharfer Kritiker der wilhelminischen Eliten und der Klassenjustiz Weimars, erfüllt fast alle Kriterien der antifaschistischen Erzählung, die sich die DDR über sich selbst erzählt. Sie vereinfacht aber auch einen widerspenstigeren Mann, als dieses Bild vermuten lässt — Tucholsky, obwohl er sich zur Linken bekannte, lehnte schon zu Lebzeiten die Konformitätsforderungen doktrinärer Kommunisten ab und antwortete einmal denen, die ihm seinen Geschmack an Maßanzügen vorwarfen: „Besser ein Anzug nach Maß als eine Gesinnung von der Stange.“

Es gibt noch etwas Beunruhigenderes. Die DDR definierte sich selbst als „Friedensstaat“ — im Gegensatz zu einer angeblich militaristischen BRD. In Wirklichkeit stand diese Selbstbezeichnung in frontalem Widerspruch zu einer der am stärksten militarisierten Gesellschaften Europas: In den 1980er Jahren zählten fast zwei Millionen Menschen als aktive oder Reserve-Angehörige bewaffneter oder paramilitärischer Formationen (Nationale Volksarmee, Grenztruppen, Stasi, Bereitschaftspolizei, Kampfgruppen der Arbeiterklasse); eine seit 1962 obligatorische Wehrpflicht, deren Verweigerung Studium und Karriere gefährdete; eine bereits im Kindergarten einsetzende Militarisierung, bei der sechsjährige Kinder Lieder zum Lob der Volksarmee sangen; und ab 1978 ein obligatorisches Schulfach, die Wehrkunde, das der militärischen Erziehung gewidmet war. Der tatsächliche Pazifismus wurde nicht vom Staat getragen, sondern von dessen Gegnern: Die Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen„, entstanden in den ostdeutschen evangelischen Gemeinden als Reaktion gerade auf diesen obligatorischen Wehrunterricht, wurde vom Regime überwacht und unterdrückt — bevor sie zu einem der Herde der friedlichen Revolution von 1989 wurde.

Einen 1935 verstorbenen Antimilitaristen zu feiern und gleichzeitig eine der am stärksten militarisierten Gesellschaften des Kontinents unter dem Banner des Friedens aufzubauen, ist keine bloße oberflächliche Inkonsequenz: Es ist das Kennzeichen eines Regimes, das einen risikolosen Antimilitarismus brauchte — den eines Toten, der sich nie über die Kaserne, den Wehrpflichtigen oder die Wehrkunde empören könnte.

Im Westen erfolgt die Anerkennung langsamer und zurückhaltender — die Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre, noch durchsetzt von ehemaligen militärischen und administrativen Kadern der NS-Zeit, tut sich schwer mit einem Mann, der mit solcher Schärfe im Voraus das Fortbestehen des deutschen Militarismus über die Regime hinweg beschrieben hatte. Erst 1988 wird im Westen die Kurt-Tucholsky-Gesellschaft gegründet, die sein Erbe pflegen soll — und 1995 ein nach ihm benannter Preis geschaffen.

Diese doppelte Erinnerungsgenealogie ist keine bloße archivarische Kuriosität. Sie beleuchtet, fast ein Jahrhundert später, eine deutsche Debatte, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat: die der Aufrüstung, ihrer demokratischen Transparenz und des Verhältnisses, das eine Gesellschaft zu ihren eigenen militaristischen Tendenzen pflegt — eine Debatte, die die Leser dieses Dossiers in sehr zeitgenössischer Form in den Beiträgen zur Zeitenwende und zur heutigen deutschen Aufrüstung wiederfinden werden.